Mensa-Geschichte

27. Februar 2019 | Tags: , ,

Seit 1968 dabei

Nummer 6 lebt!

Erinnerungen aus 50 Jahren Mensa-Mitgliedschaft

Bernd Grothkopp 1968 und heute: Dazwischen liegen 50 Jahre Mensa-Mitgliedschaft.

2018 gibt es noch acht Ms, die seit 1979 dabei sind. Bernd Grothkopp ist einer davon. Ende der 60er Jahre war er dem Vorgängerverein Deutsche Mensa e.V. beigetreten, der 1978 aufgelöst wurde; 1979 gehörte er dann zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe, die zur heutigen Mensa in Deutschland geführt hat. Für das Mag hat er in seinen Erinnerungen gekramt.

Von Bernd Grothkopp

Mir fiel kürzlich auf bei Hinweisen auf früher, dass ich bereits seit 50 Jahren Mitglied bei Mensa bin.
Im Jahr 1967 habe ich als Student zum ersten Mal etwas über die Internationale Mensa gelesen, die Vorstandsmitglieder Buckminster Fuller und Isaac Asimov waren bekannte Persönlichkeiten und die Argumente für diesen Verein und eine Mitgliedschaft schienen bei mir zu passen. Also meldete ich mich zu einem IQ-Test bei Mensa an. Die Deutsche Mensa gab es da gerade seit einem Jahr – mit entsprechend wenigen Mitgliedern, einer kleinen dreistelligen Zahl nach meiner Erinnerung.
Es war noch das Zeitalter von Festnetz, Briefpost und Aktenordnern. Es gab keine PCs, keine Handys, kein Internet, keine Mail, kein Fax.
Das Vereinsleben bestand im Wesentlichen aus seltenen Schreiben und Mitteilungen. Wegen der bundesweiten Streuung der wenigen Mitglieder gab es auch keine regionalen Treffen.
Hochbegabung zu erwähnen, war durchaus problematisch, damals noch mehr als heute. Es wurde zwar formal akzeptiert, aber viele Menschen konnten und können damit nicht umgehen, wussten nicht wirklich, was es bedeutet. Bei Mensa war man verbunden mit auf gleiche Weise Betroffenen. Dadurch fühlte man sich nicht mehr so ausgegrenzt.
Meinen ersten Arbeitsplatz habe ich damals möglicherweise aber wohl gerade dadurch bekommen, dass ich meine Mensa-Mitgliedschaft beim Vorstellungsgespräch erwähnte. Mein erster Chef suchte einen Querdenker, den er in mir sah, er hat mich ausführlich zu der Problematik und zu Mensa befragt.

Vom Thinktank zur Liquidation

Mensa existierte weiter eher auf kleiner Flamme, die Mitgliederzahl stieg nur sehr langsam an. Mitte der 70er Jahre strebte dann der damalige Vorstand eine kommerzielle Ausrichtung an, Mensa als Thinktank. Die Idee war im Wesentlichen, dass Mensa bezahlte Beratungsaufträge von Firmen annimmt, die Mitglieder also Ideen liefern für neue Entwicklungen oder die Lösung von Problemen.
Das war in der Form mit der Satzung nicht vereinbar. Im Rahmen dieser Initiative kam es wohl zu Unregelmäßigkeiten bei der Aufnahme neuer Mitglieder, es wurden für das neue Ziel Passende aufgenommen ohne IQ-Test oder -Nachweis. Die Mitgliederzahl überstieg dann die Tausend.
In Folge wurde die Deutsche Mensa am 24. September 1978 durch das „International General Commitee“ aufgelöst. Es folgte eine dreijährige Liquidation. Die Mitglieder in Deutschland konnten entscheiden, ob sie nun internationale Mitglieder oder der Österreichischen Mensa assoziiert sein wollten. Die alte Aufnahme-Qualifikation wurde in beiden Fällen geprüft. Karl Schnölzer wurde zum Koordinator für diese Übergangsphase bestimmt. Ab 1979 erschienen Mitteilungsblätter durch Hans Lippmann, die Mitglieder konnten auch das Österreichische Blatt „diskussion“ beziehen.
1981 erfolgte dann die Neugründung unter dem Namen Mensa in Deutschland, alte zweifelsfreien Mensa-Mitglieder wurden übernommen, soweit sie wollten. Ich war dabei Mitglied Nummer 6 von rund 30 Mitgliedern. In Baden-Württemberg gab es insgesamt nur drei Mitglieder.
Hans Lippmann schuf dann das Mitteilungsblatt Bagatelle. Die Mitgliederzahl stieg wieder, 1982 gab es dann im Großraum Stuttgart bereits eine niedrige zweistellige Anzahl. Jemand aus der Region regte Treffen an, wegen der kleinen Zahl privat. So trafen wir uns dann zunächst reihum etwa einmal im Monat in den Wohnungen der Mitglieder. Der Verein bot eine gemütliche, persönliche Verbundenheit, die ich vorher nicht erlebt hatte.
Es folgten interessante Begegnungen auch mit ausländischen Mitgliedern. Ich erinnere mich an ein Treffen bei einem amerikanischen Offizier, der auf einem Kasernengelände wohnte. Er hatte ein Bildplattengerät (lange vor CDs oder DVDs), die Platten so groß wie LPs (die kennt heute auch kaum noch jemand). Wir haben bei dem Treffen den Film TRON gemeinsam angesehen und darüber diskutiert.
Die Zahl der Mitglieder stieg weiter, wir gingen dann aus Platzgründen zu externen Treffen über. Hier in Stuttgart entstand der Stammtisch im Panorama. Schon bald hielten einzelne Mitglieder Vorträge oder leiteten Diskussionen zu einem angekündigten Thema. Meines Wissens war ich der erste Vortragende in dieser Runde im Jahr 1985, mit einer mathematischen Abhandlung über Staubildung auf Autobahnen.
Später folgten der Stammtisch im Trollinger und das Treffen „der 27.“.

Ein interessantes Völkchen

Ich habe weitere Treffen so gut wie nie wahrgenommen, berufliche Belastung und der Wunsch, viel für meine Kinder da zu sein, ließen mir einfach keine Zeit mehr.
Ich habe mich dann vor ein paar Jahren an der Gründung des Stuttgarter Vortragabends „Käpsele“ beteiligt und (in Anknüpfung an früher) mit eigenen Vorträgen eingebracht. An diesen Vortragsabenden nehme ich nicht immer, aber häufig teil. Diese offene Diskussionsatmosphäre auch bei gegensätzlichen Einstellungen ist etwas Wunderbares. Wir wissen ja alle voneinander, dass der andere nicht blöd ist, daher sind alle bereit, andere Meinungen vorurteilsfrei zu akzeptieren.
Ich nehme die Mensa als interessantes Völkchen wahr, es gibt auch spontane Treffen zu Kino oder Uni-Vorlesungen. Obwohl ich es mir immer wieder vornehme, an regelmäßigen Treffen wie Stammtisch oder „27.“ teilzunehmen, fehlt mir doch immer wieder die Zeit, oder der Ruck, sie mir zu nehmen. Die Kinder sind erwachsen, aber ich verbringe die letzten Jahre viel Zeit mit meinen Enkeln, das möchte ich nicht missen, und das ist so schnell wieder vorbei.
So habe ich auch bisher noch nicht an überregionalen Treffen teilgenommen. Aber ich war derartige Aktivitäten aus meinen ersten 20 Mensa-Jahren auch überhaupt nicht gewohnt. Hinzu kommt, dass ich mit meinem politischen Engagement ehrenamtlich viel Zeit investiere und ich habe in den letzten Jahren unter Pseudonym vier Bücher im Selbstverlag herausgebracht und weitere in Arbeit, da steckt auch viel Zeit drin. So bin ich zwar bei Mensa immer dabei und doch nicht überall dabei.
Zunächst war mangels Mitgliedern wenig los, inzwischen ist sehr viel los. Aber auch, wenn ich wenig Angebote wahr nehme, fühle ich mich sehr wohl damit, dazu zu gehören, jederzeit dabei sein zu können, wenn ich mir die Zeit nehme. Zudem bietet das Internet neue Möglichkeiten, in der Mail-Gruppe „wer-weiß-was“ habe ich schon viele Anregungen oder auch Problemlösungen erhalten.
Von meinen Anfängen 1968, als Mensa eigentlich nur der Test und das Zertifikat des IQ waren, ist daraus jetzt eine große Gemeinschaft vieler Mitglieder geworden, in der gegenseitig sehr viel geboten wird und aus der wohl jeder Nutzen ziehen kann durch Treffen und Reden und Spielen, Meinungsaustausch und Diskussionen, Kultur und Ausflüge, Wissensaustausch.
Ich möchte die Mensa nicht mehr missen, ein so lebendiger Verein, obwohl er wenig übergeordnete Ziele verfolgt. Die Förderung der Inklusion Hochbegabter in den Schulen ist mir dabei schon immer ein großes Anliegen gewesen. Ansonsten ist jeder nur selbst und für sich selbst dabei.
Große Freiheit mit trotzdem enger Zugehörigkeit, und das weltweit.